"Ich bin zu weit gegangen!"
"Der Felsen" ist die leidenschaftliche Geschichte einer Frau auf
der Suche nach ihrem wahren Leben. Karoline Eichhorn, die Hauptdarstellerin
in Dominik Grafs viel diskutiertem Film, kennt man in Deutschland
hauptsächlich aus dem Fernsehen. Der Durchbruch gelang ihr 1995 mit
der mehrfach preis gekrönten Produktion "Der Sandmann". 1998 wurde sie
für Oliver Storz' "Gegen Ende der Nacht" mit dem Bayerischen Fernsehpreis
ausgezeichnet und für "Der Felsen" dieses Jahr als beste Darstellerin
für den Deutschen Filmpreis nominiert. Zuvor hatte die 36-jährige
bereits zweimal den Adolf-Grimme-Preis gewonnen.
Frage: Frau Eichhorn, in "Der Felsen" spielen Sie eine sehr
freizügige Frauenrolle. Haben Sie lange überlegt, ob Sie dem Projekt
zustimmen sollen?
Karoline Eichhorn: Leider habe ich viel zu schnell zugesagt. Seit
Drehschluss beschäftigt mich immer wieder die Frage, warum ich das
eigentlich gemacht habe. Inzwischen weiß ich genau, dass ich zu weit
gegangen bin. So etwas wird nie wieder vorkommen. Nie!
Frage: Standen diese Szenen denn nicht von Anfang an fest?
Eichhorn: Das war bei den meisten Szenen nicht der Fall. Aber trotzdem
ist und bleibt es mein Fehler, Regisseur Dominik Graf trifft keine Schuld:
Ich hätte der ganzen Freizügigkeit ja noch beim Dreh einen Riegel
vorschieben können. Ich bin zu unreflektiert in das Projekt gegangen,
war zu gutgläubig, ja schlichtweg naiv.
Frage: Die Jury des Deutschen Filmpreises haben Sie aber überzeugt:
Sie wurden als beste Hauptdarstellerin nominiert
Eichhorn:
aber diese Auszeichnungen sind mir nicht wichtig.
Es ist nicht mein berufliches Ziel, berühmt zu werden und auf
möglichst viele Partys eingeladen zu werden. Seit meiner Jugend bin
ich Schauspielerin. Ich liebe es, einfach nur Rollen zu spielen und mich
dabei gut zu fühlen. Alles andere interessiert mich nicht. Vermutlich
resultiert daraus meine schreckliche Naivität.
Frage: Verlassen Sie sich denn bei Ihren Entscheidungen nur auf sich
selbst?
Eichhorn: So ist es! Ich bin mein härtester Kritiker und nehme
meine Leistung sehr genau unter die Lupe. Und deshalb geht mir das leidige
Thema mit der Freizügigkeit auch nicht mehr aus dem Kopf.
Frage: Gefällt Ihnen denn die Endfassung des Films?
Eichhorn: Nein. Der Film hat tolle Bilder, aber er lässt mich
außen vor. Mir persönlich tut der Film weh. Es werden extrem viele
Themen angeschnitten und meiner Meinung nach zu ruckartig erzählt. Das
verhindert das wirkliche Eindringen in den Filmstoff.
Frage: Hatten Sie wenigstens beim Dreh auf Korsika eine schöne
Zeit
Eichhorn: Ich habe mich während dieser Zeit sehr oft ausgeliefert
gefühlt. Überhaupt fanden die ganzen Dreharbeiten unter sehr
schwierigen Bedingungen statt. Aber darüber möchte ich nicht sprechen.
Fest steht nur, dass ich mit Dominik Graf nicht mehr drehen werde. Ich
fühlte mich komplett einsam und hatte niemanden, mit dem ich mich in
Gesprächen austauschen konnte. Vorwürfe mache ich deshalb aber
niemandem: Immerhin hätte ich diese Situation selbst ändern
können und habe es nicht getan.
Frage: Zumal Sie Ihren Filmpartner Antonio Wannek bereits kannten.
1999 haben Sie mit ihm den Film "Fremde Freundin" gedreht
Eichhorn: Antonio und ich kommen auch gut miteinander aus, nur eben
auf einer anderen Ebene: Wir lassen uns einfach komplett in Ruhe. Wir sind
von Grund auf verschiedene Leute, außerdem ist er sehr jung. Wie soll
man da Stoff für ewig lange Gespräche finden? Ich drehe sehr gerne
mit ihm, aber einen wirklichen Gesprächspartner habe ich in ihm auch
nicht gefunden.
Frage: Damit erübrigt sich beinahe schon die Frage, ob Sie sich
es in Ihrem Alter vorstellen könnten, wie im Film ein Verhältnis
mit einem 17-Jährigen anzufangen.
Eichhorn: Diese Thematik spielt für mich überhaupt keine
Rolle. Man muss bedenken, dass diese Affäre im Film unter
Ausnahmebedingungen zustande kam: Die Personen waren im Urlaub, und dort
ist immer alles anders, gerät leicht aus den Fugen.
Frage: Wie können Sie sich dann so sicher sein?
Eichhorn: Natürlich kann ich Ihnen keine hundertprozentige Garantie
geben. Aber ich kenne mich und weiß, dass ich dazu niemals imstande
wäre.
Frage: Sie scheinen zu wissen, was Sie wollen. Der "Bild"-Zeitung
haben Sie Interviews verweigert. Ungewöhnlich für eine deutsche
Schauspielerin
Eichhorn: Ich habe mit dieser Zeitung sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
Das letzte Mal, als ich mich weigerte, kaufte die "Bild"-Zeitung ein Interview
von einem freien Journalisten und stellte es als ihr Interview dar. Ich finde
diese Zeitung einfach nicht gut. Überhaupt möchte ich mit der ganzen
"Yellow Press" nichts zu tun haben: Man bat mich auch, für "Der Felsen"
Werbung in Talkshows zu machen, aber das habe ich sofort abgelehnt.
Frage: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation des deutschen
Films?
Eichhorn: Der deutsche Film war meiner Meinung nach noch nie wirklich
gut und wird es in nächster Zeit auch nicht werden. Betrachtet man einmal
den gesamten Weltmarkt, halten unsere Filme doch bei weitem nicht mit.
Überlegen Sie doch mal, wie oft Sie sich freiwillig deutsche Filme im
Kino ansehen.
Frage: Woran mag das liegen?
Eichhorn: Die Rohfassungen der Drehbücher sind teilweise gar
nicht so schlecht. Sobald sie aber in die Hände der jeweiligen Redaktion
fallen, werden die Texte komplett umgemodelt und angeblich massentauglich
gemacht. Was bleibt, ist ein Einheitsbrei, der schon gar keinen Unterschied
mehr zwischen Kino und Fernsehen erkennen lässt. Geld steht in Deutschland
an erster Stelle, danach kommt lange nichts. Dagegen geht es in Ländern
wie England oder Skandinavien darum, eine Geschichte zu erzählen. Und
diese Liebe zum Film spürt man als Zuschauer.
Frage: Resultiert aus diesem Drang nach echten Geschichten auch Ihre
Leidenschaft fürs Theater? Immerhin spielen Sie gerade am Stadttheater
in Wien.
Eichhorn: Theater ist wesentlich dimensionsreicher und tiefer gehend
als Kino oder Fernsehen. Dort habe ich die Möglichkeit, mich mit einem
Stoff wirklich auseinanderzusetzen, ihn ausgiebig zu proben und schließlich
chronologisch aufzuführen. Beim Film ist das wegen der knapp bemessenen
Zeit natürlich nicht möglich. Außerdem führen die Kameras
zu einer enormen technischen Begrenztheit. Aufgrund dieser Faktoren ziehe
ich mich mehr und mehr aus dem Kino- und Fernsehbereich zurück. Ich
kann es nämlich selbst nicht mehr hören, dass ich zwar immer über
dieses Medium schimpfe, aber eigentlich doch Teil der gesamten Branche
bin.
Frage: Zumal die guten Frauenrollen hierzulande Mangelware
sind
Eichhorn: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Männergeschichten
werden auch am Theater wesentlich öfter inszeniert. Frauen sind einfach
da, werden aber nicht wirklich berücksichtigt und verdienen weniger
Geld. Aber dagegen kann ich leider auch nichts tun. Ist dann eine Frau im
deutschen Fernsehen zu sehen, muss sie immer extrem sein: Karrierefrau, Hure,
niemals aber die normale Frau mit all ihren Schwächen. Ich versuche
mich gegen dieses Klischee aufzulehnen, aber gegen die gesamte Filmbranche
bin ich natürlich machtlos.
Frage: Dann geben wir Ihnen nun die Chance: Wählen Sie eine
Wunschrolle
Eichhorn: Ich möchte wahnsinnig gerne etwas Lustiges spielen,
das mit der deutschen Komödie nichts am Hut hat. Mit einem Humor, über
den ich selber lachen kann, im Stil eines britischen Films, bei dem die
Tragödie dicht an der Komödie angesiedelt ist. Aber ich bin mir
nicht sicher, ob ich in Deutschland eine solche Rolle finden
würde.
Johannes Bonke / Rico Pfirstinger
zur Jump Cut Startseite
 |