Wie schreibt man über ein Monument? Über das Monument
des europäischen Kunstkinos Theo Angelopoulos und über das Monument,
das sein als Trilogie geplantes Historienwerk schon mit dem ersten Teil
Die Erde weint darstellt? Wie kann man, schon gar ausgelaugt
vom Festivaltrott, überhaupt noch reagieren auf eine Bildsprache, die
weit abseits kurrenter Realismen liegt? Wie soll man zu urteilen wagen über
den überaus kühnen Versuch, ein Jahrhundert griechischer Geschichte
in Bilder zu fassen, wenn man viel zu wenig weiß über diese
Geschichte? Und müsste man nicht Motivstränge suchen im Werk von
Angelopoulos, müsste man nicht dem tiefen Resonanzboden griechischer
Mythologie nachforschen, der für diesen Film und das ganze Werk des
Regisseurs eine so eminente Rolle spielt? Wie kann man, kurz gesagt, anders
reagieren als mit Fragen über Fragen?
Viel ist von Poesie die Rede, wenn es um Angelopoulos geht, und wäre
es nur das, was die meisten, die davon reden, damit meinen, dann wäre
es doch nur Kitsch. Den Bildern selbst ist nicht mehr anzusehen, als dass
sie beeindrucken. Welcher Art sie sind, ist damit lange nicht gesagt. Welche
Räume werden in ihnen eröffnet, welche Form gewinnt die Zeit und
damit die Geschichte in den so sorgfältigen Kompositionen? Damit verbunden
die Frage: Welcher Art sind die Figuren, die in diesen Räumen Gestalt
gewinnen, Kontur, aber nicht das Profil von Individuen, wie wir sie zu erwarten
uns nie ganz entschlagen können? Der Vater Spyros, sein Sohn Alexis,
die in Pflege genommene Eleni, die der Vater schwängert, die der Sohn
vom Traualtar weg entführt, die Zwillinge Yannis und Yiorgis, die im
Bürgerkrieg auf verschiedenen Seiten kämpfen und sterben werden.
Ist diese Kernkonstellation allegorisch lesbar bzw. geht sie in der allegorischen
Lesbarkeit auf, die die Zwillinge auf die eine Lesart streitender Brüder
als Personifikationen einer zerrissenen Nation festlegt? Und wie verhält
es sich mit den monumentalen Entwürfen von Trauerbildern, dem Wasser,
das das Dorf überschwemmt, den Ufern, den Aufbrüchen, den Abschieden,
der Musik, die den Film erst bestimmt und durchtränkt und dann verschwindet
wie die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang?
Unauslöschlich sind manche dieser Bilder: Schafe, die an einem
Baum aufgeknüpft hängen und man täte diesem Entwurf Gewalt
an, wollte man ihn als Bild der Gewalt lesen und damit die schlichte Tatsache
übersehen, dass hier Schafe an einem Baum aufgeknüpft sind, dass
die Kadrierung diesen Baum als ganzen in den Blick nimmt wie immer wieder,
häufig in leisen Zooms, das Haus, das der Familie Heimat gewesen ist,
in das sie zurückkehrt. Und man täte dem Entwurf dieses Hauses,
das eines der magischen Zentren des Films ist, Gewalt an, sähe man hier
nur eine Allegorie für griechische Geschichte. Schlagartig einleuchtend
und atemberaubend schön die Szene des Abschieds von Eleni und Alexis,
sie übergibt ihm einen nicht fertig gestrickten roten Pullover, er
löst ihn auf, den Faden in der Hand, der rote Faden im Wasser, als er
auf dem Boot davonrudert. Das Totenhemd, an dem Penelope am Tage näht,
um es in der Nacht wieder aufzutrennen, ist hier angespielt und die
Rückkehr des Odysseus (die hier nicht stattfinden wird) wie der Faden
der Ariadne, der den Rückweg ermöglicht: und beide mythologischen
Bilder werden aufgetrennt, aufgelöst in der Umkehrung mythologischer
Bedeutung: es gibt kein Zurück, keine Wiederkehr, der Abschied ist für
immer. Um doch steckt noch im schlagartigen Einleuchten dieser Bilder die
nicht zu leugnende Tatsache ihrer Gesuchtheit. Ist diese Gesuchtheit gedeckt
und worin genau bestünde diese Deckung? Vielleicht ist das die
Frage, an der sich entscheidet, ob hier monumentaler Kitsch inszeniert wird
oder ob es sich nicht einfach um staunen machende, große Kunst handelt.
Und gedeckt sein könnten diese Bilder, als überzeugende,
als gültige, nur durch eine irreduzible Offenheit, also indem sie sich
verweigern: der Auflösung, der vereindeutigenden Lektüre, indem
sie also eine Sprache sprechen, die der Deutung und Lektüre bedarf,
ohne in ihr je aufgelöst werden zu können. Indem sie einen
Schwebezustand erzeugen zwischen dem, was man sieht und dem, was in diesem
Sehen unbestimmt bleibt und bleiben muss, einen Zustand des Verstehens, ohne
zu verstehen. Indem sie also Darstellung von Geschichte wären, ohne
Individualisierung und ohne Allegorisierung, in einem Zwischen, das das Reich
des Films wäre, wie Angelopoulos ihn versteht. Eine Kunst der Kadrierungen
und Rekadrierungen durch leise Kamerabewegung, eine Kunst der Öffnung
eines Raums, in dem Szenen auf Geschichte verweisen, ohne sie buchstäblich
darzustellen. Die Arbeit, die der Umgang mit diesen Bildern bereitet, ist
gewiss eine Zumutung. Sich ihr durch bloße Flucht zu entziehen, wie
es ein großer Teil der Presse getan hat, heißt, es sich zu einfach
zu machen. Selbst wenn man zur Entscheidung gelangen sollte, dass Angelopoulos
gescheitert ist, müsste man zugestehen: Noch das Scheitern wäre
monumental und eher eines Goldenen Bären würdig als das Gelingen
manch weit weniger ambitionierten Wettbewerbsbeitrags.
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